*2002 in Berlin, Germany; lives and works in Berlin, Germany
An Artist Interview #39
Jonathan Joosten
Photo: Luis Bortt
You work a lot with readymades, what are you interested in, the story behind the object, its inherent meaning, its materiality or is it something completely different again?
I am not primarily interested in readymades as quotations, but as silent witnesses to a process. They already have a previous life within them, materially, functionally and culturally. This means that the source from which something originates is of fundamental importance to me. I often see materials as the protagonists of a latent narrative. I see them less as found objects and more as fragments, torn out of a context that was once coherent.
Often my chosen material is tied to consumption or use. It is usually on the threshold of the supposed end of its actual intention. However, with the knowledge that it is still culturally charged through its form and history. The material asserts something that has already been overwritten, or implies such an overwriting. For me, this is precisely where the potential lies. Recontextualisation is a means of overcoming this state of limbo.
The industrial origin, standardisation and serial nature of materials provide me with a formal basis on which I can build. Standardised design is linked to globalised thinking. Bottles in a drinks crate, standing on a pallet, lifted by a forklift truck, are cogwheels that interlock. For me, breaking with the pursuit of efficiency and optimisation inevitably represents a gesture of individualisation. It is a dialogue with clear and user-oriented processes and the search to free them from their machine. Similar to the path of Charlie Chaplin's Tramp character in ‘Modern Times’.
For me, the processing in the studio functions like a pause in the process. An unclear intermediate state before the material I have isolated exposes itself to new processing and thus appears transformed.
Du arbeitest viel mit Readymades, worum geht es dir dabei, die Geschichte hinter dem Objekt, seine inhärente Bedeutung, seine Materialität oder ist es wieder etwas ganz anderes?
Mich interessieren Readymades nicht primär als Zitate, sondern als stille Zeugen eines Prozesses. Sie tragen bereits ein Vorleben in sich, materiell, funktional und kulturell. Dadurch hat für mich die Quelle, aus der etwas stammt, tragende Bedeutung. Ich sehe Materialien oft als Protagonist*innen einer latenten Narrative. Ich verstehe sie weniger als Fundstücke, sondern eher als Fragmente, herausgerissen aus einem Kontext, der einmal kohärent war.
Oft ist mein gewähltes Material an einen Konsum oder Gebrauch gebunden. Es befindet sich meist an der Schwelle des vermeintlichen Endes seiner eigentlichen Intention. Allerdings mit dem Wissen, dass es durch seine Form und Geschichte weiterhin kulturell aufgeladen ist. Das Material behauptet etwas, das bereits überschrieben wurde, oder eine solche Überschreibung impliziert. Gerade darin liegt für mich ein Potenzial. Die Rekontextualisierung ist ein Mittel, diesen Schwebezustand zu überwinden.
Industrielle Herkunft, Normierung und Serienhaftigkeit von Material bieten mir eine formale Grundlage, auf der ich aufbauen kann. Genormtes Design ist geknüpft an ein globalisiertes Denken. Flaschen in einer Getränkekiste, stehend auf einer Palette, gehoben von einem Gabelstapler, sind Zahnräder, die ineinandergreifen. Das Streben nach Effizienz und Optimierung zu brechen, stellt für mich unweigerlich eine Geste der Individualisierung dar. Es ist ein Dialog mit klar und nutzerorientiert gedachten Abläufen und die Suche nach einer Befreiung dieser aus ihrer Maschine. Ähnlich wie der Weg von Charlie Chaplins Tramp-Figur in “Modern Times".
Die Verarbeitung im Atelier funktioniert für mich also wie eine Pause im Ablauf. Ein unklarer Zwischenzustand, bevor das von mir isolierte Material sich einer neuen Verarbeitung aussetzt, und somit transformiert auftritt.
by Jonathan Joosten
Exhibition view TRADING POSTmodernity
KUNSTRAUM Potsdamer Straße, Berlin
2024
by Jonathan Joosten
PUBLIC REEL (strained)
2024
Mixed Media
704 x 280 x 25cm
by Jonathan Joosten
RL‘s headspace
2024
Mixed Media
130 x 92 cm
You are completely free in your choice of media. Is there a common theme for you that runs through all of these approaches?
I work across different media, as each medium allows for a different logic of presentation. I am influenced by concepts such as the idea of meta-modernism, which sees a certain oscillation between positions not as a contradiction, but as a space of possibility.
I like the idea of pre-archiving, which comes closest to the essence of photography. The event or material is captured momentarily and freezes. This creates a certain timelessness in the relationship between the moment of creation and the context of the present.
The media I choose are tools that capture something that actually eludes me. I may be pursuing a documentary approach, but one that is aware of its own instability. I am interested in how materials begin to speak against each other, how vague or paradoxical meanings emerge as a result.
Du bist völlig frei in der Wahl deiner Medien. Gibt es für dich ein gemeinsames Thema, das sich durch all diese Zugangsweisen zieht?
Ich arbeite medienübergreifend, da jedes Medium eine andere Logik der Präsentation erlaubt. Dabei beeinflussen mich Konzepte wie die Idee einer Meta-Moderne, die ein gewisses Pendeln zwischen Positionen nicht als Widerspruch, sondern als Möglichkeitsraum versteht.
Mir gefällt der Gedanke einer Vor-Archivierung, die dem Wesen der Fotografie am nächsten kommt. Das Geschehen oder Material wird momenthaft eingefangen und gefriert. Dadurch entsteht eine gewisse Zeitlosigkeit im Verhältnis zwischen Entstehungsmoment und dem Kontext der Gegenwart.
Die Medien, die ich wähle, sind Werkzeuge, die etwas festhalten, das sich eigentlich entzieht. Möglicherweise verfolge ich einen dokumentarischen Ansatz, allerdings einen, der sich seiner eigenen Instabilität bewusst ist. Mich interessiert, wie Materialien anfangen, gegeneinander zu sprechen, wie dadurch vage oder paradoxe Bedeutungen entstehen.
by Jonathan Joosten
Exhibition view TRADING POSTmodernity
KUNSTRAUM Potsdamer Straße, Berlin
2024
What comes first, the idea or the material?
I would speak of a dialogue-based, mutual conditional relationship. The idea needs the material to concretise itself, the material in turn raises resistance that I have to deal with and resolve. The result is a friction that drives the process forward. I like to create conceptual frameworks, but the process remains open, it can develop further and become abstract. An imagined order becomes an actual one, which in turn can escape my control.
Was ist zuerst da, die Idee oder das Material?
Ich würde von einem dialogischen, gegenseitigen Bedingungsverhältnis sprechen. Die Idee braucht das Material, um sich zu konkretisieren, das Material wiederum wirft Widerstände auf, die ich behandeln und lösen muss. Es entsteht eine Reibung, die den Prozess weiterführt. Ich lege mir gern konzeptuelle Rahmen, aber der Prozess bleibt offen, er kann sich weiterentwickeln und abstrahieren. Aus einer gedachten Ordnung entsteht eine tatsächliche, die sich wiederum meiner Kontrolle entziehen kann.
by Jonathan Joosten
ARCHIVED HERO 02
2024
Mixed Media
215 x 150 cm
by Jonathan Joosten
ARCHIVED HERO 01
2023
Mixed Media
120 x 120 cm
How did it come about that you so often work in a grey, monochrome tone?
Colour conveys vitality. Over time, intensity fades, contrasts can equalise, hair loses its melanin. I am interested in this natural transformation. So for me, monochrome refers to processes of ageing, of use, to a state in which the colour was already there but has disappeared, through its absence, but continues to circulate as a memory. For me, this again has an archival, documentary quality. The work thus eludes the suggestion of currency to a certain degree, neither clearly nostalgic nor clearly contemporary, thereby allowing a certain distance. On the other hand, this reduction also brings with it a kind of formal neutrality. It lends the objects and images something anonymous, making them appear as symbolic representatives.
Referring to Baudrillard's idea of simulation, I am interested in how images and objects can lose their reference and still generate meaning, and how even death loses its finality in the process. Figures and roles can thus become icons, be commodified and attain mythical status in their resulting reproducibility.
Wie kam es dazu, dass du in deinem Werk so häufig in einer grauen, monochromen Farbigkeit arbeitest?
Farbe vermittelt Vitalität. Durch den Verlauf von Zeit entschwindet Intensität, Kontraste können sich angleichen, Haare verlieren ihr Melanin. Diese natürliche Wandlung interessiert mich. Monochromie verweist für mich also auf Prozesse des Alterns, des Gebrauchs, auf einen Zustand, in dem die Farbe bereits da war, aber verschwunden ist, durch ihre Abwesenheit, aber als Erinnerung weiter zirkuliert. Dies hat für mich wieder etwas Archivarisches, Dokumentarisches. Die Arbeit entzieht sich so zu einem gewissen Grad der Suggestion von Aktualität, weder eindeutig nostalgisch, noch klar zeitgenössisch und erlaubt dadurch eine gewisse Distanz. Zum anderen bringt diese Reduktion auch eine Art formale Neutralität mit sich. Sie verleiht den Objekten und Bildern etwas Anonymes, lässt sie als symbolische Repräsentanten erscheinen.
In Anlehnung an Baudrillards Idee der Simulation interessiert mich, wie Bilder und Objekte ihre Referenz verlieren und dennoch Bedeutung erzeugen können und selbst der Tod dabei seine Endgültigkeit verliert. Figuren und Rollen können so zu Ikonen aufsteigen, kommodifiziert werden und in ihrer dadurch erreichten Reproduzierbarkeit mythischen Status erlangen.
by Jonathan Joosten
Buck up - never say die. We'll get along
2025
Sunbleached industrial curtains
Dimensions variable
What are your most important inspirations and influences for your work?
I orientate less on singular models and more on tensions. I am interested in systems that have cracks in themselves, especially when they appear in an aesthetically controlled way without smoothing themselves out: the fragmentary, the serial-repetitive, for example in TV series, especially in sitcoms, in which a plot builds on one another between episodes but is not a direct continuation. These often erroneous and inconsistent elements can be deliberately ignored, as there are enough anchor points to hold the overall understanding together.
I am generally interested in transitions: between states, media, times, focussing on how the present is not static and inevitably remains interwoven with the narratives of the past. In the same way that images, objects or narratives continue to move across epochs, change and re-contextualise. I am also interested in post-structuralist approaches that assume such instability.
Another field that characterises my work is spaces, especially interiors. I am interested in how ideology, function and the reality of life are sedimented in them. Spaces are also always places of action and carriers of time.
Was sind deine wichtigsten Inspirationen und Einflüsse für deine Arbeit?
Ich orientiere mich weniger an singulären Vorbildern, sondern mehr an Spannungsverhältnissen. Mich interessieren Systeme, die in sich selbst Risse tragen, vor allem, wenn sie in einer ästhetisch kontrollierten Weise auftauchen, ohne sich dadurch zu glätten: das Fragmentarische, das Seriell-Repetitive, beispielsweise in TV-Serien, speziell in Sitcoms, in denen eine Handlung zwischen den Episoden zwar aufeinander aufbaut, aber keine direkte Fortführung ist. Dieses dadurch oft Fehlerhafte und Unstimmige kann bewusst ausgeblendet werden, da genug Ankerpunkte das Gesamtverständnis zusammenhalten.
Mich interessieren generell Übergänge: zwischen Zuständen, Medien, Zeiten, wobei ich mich darauf konzentriere, wie die Gegenwart nicht statisch ist und unweigerlich mit den Erzählungen der Vergangenheit verwoben bleibt. So wie Bilder, Objekte oder Narrative über Epochen hinweg weiterwandern, sich verändern und neu kontextualisieren. Dazu beschäftigen mich poststrukturalistische Ansätze, die von einer solchen Instabilität ausgehen.
Ein weiteres Feld, das meine Arbeit prägt, sind Räume, vor allem Innenräume. Mich interessiert, wie sich Ideologie, Funktion und Lebensrealität in ihnen sedimentieren. Dabei sind Räume auch immer Handlungsorte und Zeitträger.
by Jonathan Joosten
Exhibition view DOMAIN NOIR
Studio Christian Jankowski, Berlin
2023
by Jonathan Joosten
PROTO-POD 04
2024
Mixed Media
90 x 33 x 28 cm
Was there an ‘aha’ moment for you in your artistic development when you realised that this was the direction you wanted to go in?
It's not so much about individual moments but rather a slow, steady shift in my perception. I think a lot of it started with collecting objects and images. I loved going to flea markets as a child, collecting clippings from newspapers and lots of material in general. I think at some point it was a logical conclusion that in order to justify what I had collected, I wanted or had to do something with it.
Gab es für dich einen „Aha“-Moment in deiner künstlerischen Entwicklung, bei dem du realisiert hast, in diese Richtung möchtest du gehen?
Es sind weniger einzelne Momente als eine langsame, stetig andauernde Verschiebung meiner Wahrnehmung. Ich denke, vieles begann mit dem Sammeln von Objekten und Bildern. Ich war als Kind sehr gerne auf Flohmärkten, dazu habe ich Ausschnitte aus Zeitungen und generell viel Material zusammengetragen. Ich denke, es war irgendwann eine logische Schlussfolgerung, dass ich, um das Angesammelte zu rechtfertigen, etwas mit diesem anfangen wollte oder musste.
Photo: Luis Bortt
Photo: Luis Bortt
Photo: Luis Bortt
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Leopold Schaefer
Luis Bortt